Inselhaupstadt Rhodos auf Rhodos (Griechenland)

Der Helios von Rhodos

Die Riesenstatue, die dem Begriff "Koloß" ihre spezielle Bedeutung gab


Worum handelt es sich?
Am Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. errichteten die Rhodier eine 30 - 35 m hohe Statue aus gegossener Bronze. Sie stellte den Hauptgott ihrer Stadt, den Sonnengott Helios dar und war ein Weihgeschenk nach einem wichtigen Sieg.

Nichts als eine Legende!

Die Vorstellung von der Riesenstatue, die spreizbeinig über der Hafeneinfahrt stand, ist erst am Ende des 14. Jahrhunderts auf Rhodos - vermutlich beim Austausch westlicher und östlicher Gelehrsamkeit - in der von Kreuzrittern beherrschten Stadt Rhodos entstanden, von Reiseführern aufgegriffen und von Pilgern auf der Durchreise verbreitet worden. Seit sie im 16. Jahrhundert auch illustriert wurde, hat sie eine so unglaubliche Karriere gemacht, daß sie kaum aus dem kulturellen Gedächtnis der Welt zu tilgen ist.


Originale Reste?

Der Koloß von Rhodos ist verloren. Sein Standort ist bisher unbekannt und sein Aussehen wohl niemals mehr wirklich zu rekonstruieren. Aber vielleicht ist mit dem Epigramm Anthologia Graeca, Band VI Nr. 171 eine Inschrift von seiner Basis erhalten. Das wäre indirekt ein originaler Rest.

Viel aber doch nicht genug
Der Koloß von Rhodos gehört zu den in der antiken Literatur am häufigsten erwähnten antiken Statuen. Allerdings läßt sich so nur seine Geschichte zuverlässig rekonstruieren.
Daten, die allgemein als gesichert gelten (antike Quellen)

Die Rhodier haben mit ihrer Riesenstatue der Nachwelt die Worte "Koloss" und "kolossal" in der heutigen Bedeutung geschenkt. Leider wissen wir nicht, welches von den vielen gültigen Grundmaßen für den Fuß (± 30 cm) und davon abhängig für die Elle (± 50 cm) die Rhodier damals wählten. Daher kann man die Angabe 70 Ellen für den Koloss von Rhodos nur auf ein Metermaß von 30-35 Metern umrechnen. Dieses Maß ist übrigens in folgendem antiken Merkvers überliefert, der die ganze Antike hindurch bekannt war:

"Den Koloß in Rhodos, mit einer Höhe von 70 Ellen, hat Chares von Lindos gemacht."
  • Der Anlaß der Weihung war der glückliche Ausgang der Belagerung der Stadt durch Demetrios Poliorketes (den Städtebelagerer) von 304/3.

  • Wenigstens teilweise diente die Kriegsbeute zur Finanzierung.

  • Der Künstler hieß Chares von Lindos und war Schüler des berühmten Lysipp, eines Künstlers mit Erfahrung im Errichten von Kolossalfiguren.

  • Die Statue besaß eine Höhe 70 Ellen, das sind - je nachdem, welches antike Fußmaß zugrunde lag - 30 bis 35 Meter.

  • Die Errichtung am Anfang des 3. Jhs. v. Chr. dauerte 12 Jahre.

  • Bei einem schweren Erdbeben in den 20er Jahren des 3. Jhs. v. Chr. stürzte der Koloß ein.

  • Trotz bereitgestellter Geldmittel durch die Ptolemäer wurde der Koloß nicht wieder errichtet, sondern seine Reste blieben die ganze Antike hindurch liegen.
Daten, die allgemein als gesichert gelten (byzantinische Quellen)
  • Das Metall der umgestürzten Statue wurde durch die Araber etwa 653 n. Chr. abtransportiert und im Vorderen Orient verschrottet.
Zuverlässig rekonstruierbar
  • Errichtung aus gegossener Bronze;

  • Stabilisierung mit Steinen;

  • Strahlenkranz auf dem Kopf.
Hypothesen nach allgemeiner kunst- und kulturhistorischer Einschätzung
  • Standort: Hauptheiligtum des Helios in Rhodos, dessen Lokalisierung bisher umstritten ist;

  • Aussehen: Nackter, aufrecht stehender junger Mann; Frisur aus langen Locken mit Anastole = Wirbel über der Stirne.
Wo dürfen wir in Zukunft neue Erkenntnisse erwarten?
  • Vielleicht wird die Lokalisierung des Heiligtums des Hauptgottes von Rhodos, Helios, im Gebiet der antiken Stadt durch Ausgrabung und Funde gelingen,

  • Werden im Heiligtum Reste der Basis gefunden und/oder es gelingt eine Identifizierung der Gießgruben des Bronzekoloß

  • Dadurch könnten neue Erkenntnisse zu den genauen Vorgängen von Bronzeguß und Montage gewonnen werden. Der Koloß von Rhodos muß in großen Stücken gegossen und dann zusammengesetzt worden sein.
Probleme, die zu den teilweise recht unterschiedlichen Bewertungen und Rekonstruktionen des Koloß von Rhodos führen
Die Legende von spreizbeinigen Koloß über der Hafeneinfahrt übt bis heute eine solche Faszination aus, daß immer wieder Lokalisierungen am Hafen vorgenommen werden. Dabei wird in keiner antiken Quelle auch nur eine kleine Andeutung zum Standort gemacht. Die Lokalisierung im Hafen ist erst mit der Legende vom spreizbeinigen Koloß aufgekommen, in einer Zeit, in der der wahre Standort bereits vergessen war. Historisch gesehen, muß der Koloß von Rhodos aber im Heiligtum des Gottes gestanden haben, für den er als Weihgeschenk aufgestellt worden war. Das hat man  aller Erfahrung
nach nicht auf einer Hafenmole errichtet. Dies war vielleicht der Antike so selbstverständlich, daß es nicht erwähnt werden mußte.

Ein ausführlicher, frühbyzantinisch datierter Text, der mit dem Namen des bekannten hellenistischen Mechanikers, Philon von Byzanz, signiert, schildert erstaunlich ausführlich, der Koloß sei am Standort Etage auf Etage gegossen worden. Allerdings
vermischt Philon nachweislich echte Informationen mit abenteuerlichen Rekonstruktionen. Er widerspricht damit in vielen Punkten dem, was man inzwischen über das antike Bronzegußverfahren weiß. Dennoch nehmen viele Forscher nehmen den Text oder Teile daraus immer noch wörtlich.

Staute

Die Staute wurde zu Ehren des Gottes Helios erbaut, als Dank für den gelungenen Sieg über die Schiffe des Demetrios. Aus dem Erlös der feindlichen Kriegsschiffe, erschufen sie den Koloss von Rhodos.

Der Koloss ist ein absolutes Rätsel. Es gibt keine Aufzeichnungen von der Staute, so dass die Wissenschaftler heute noch rätseln, wie er ausgesehen hat. Man hat nur das verwendete Material verbucht und das waren 12,7 Tonnen Bronze und 7,6 Tonnen Eisen. Nach etlichen Berechnungen geht man davon aus, dass er eine Höhe von 36 Metern hatte. Er soll mit einer 1,6 mm dicken Bronzeschicht überzogen gewesen sein. In Innern gab es ein Geflecht aus Holz, Eisen und Säulen, damit der Koloss auch stabil stehen konnte. Aber entgegen aller Behauptungen kann er unmöglich aus einem Stück gefertigt worden sein und auch nicht an Ort und Stelle. Nach 12 Jahren Bauzeit war er fertig und wurde im Jahre 290 v.u.Z. eingeweiht. Nach einer kurzen Lebenszeit (66 Jahre) stürzte er bei einem Erdbeben ein. Der Geograph Strabo schrieb: „ Jetzt liegt er am Boden, umgestürzt durch ein Erdbeben, abgebrochen an den Knien.“ Jahrhunderte lang waren die Reste des Kolosses, der Beweis für seine Größe. Im Jahre 653 u.Z. brachten Händler die Überreste der Bronzehülle, auf 900 Kamelen außer Landes und schmolzen sie ein.

Der Koloss soll das einzige Weltwunder gewesen sein, das nicht durch seine Schönheit, sondern nur durch seine Größe beeindruckt hat.

Größe und Aussehen:

Es gibt mehrere Zeichnungen wie der Koloss ausgesehen haben mag. Sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich ist, dass er breitbeinig an der Hafeneinfahrt gestanden hat. Es ist eher anzunehmen, dass er die selbe Form wie die Freiheitsstatue von New York hatte.

Eine Statue dieser Größe ist auch für die heutige Zeit ungewöhnlich, als Vergleich: die Münchner Bavaria ist 16m hoch, die New Yorker Freiheitsstatue nur 10m höher. Jeder einzelne Finger des Helios war länger als ein erwachsener Mann und konnte nicht mit beiden Armen umfaßt werden. Leider sind keine Aufzeichnungen oder Münzen mit dem Abbild erhalten geblieben, so daß nur gemutmaßt werden kann wie er aussah. Sicher ist indes nur , daß sein Gesicht und die siebenstrahlige Krone vergoldet waren.

Neue Forschungen zum Koloß von Rhodos


Die Sieben Weltwunder der Antike.
Wege der Wiedergewinnung aus sechs Jahrhunderten.
Ausstellung im Winckelmann-Museum Stendal 2003
(Mainz 2003)
Seite 20-22 und 131-149

Der Koloß von Rhodos als Wächter über dem Hafeneingang

Zusammenfassung

Sowohl den Mönchen der römisch-katholischen Klöster als auch den Mönchen der griechisch-orthodoxen Klöster ist es zu verdanken, daß während des Mittelalters zum einen antike lateinische, zum anderen antike griechische Texte ständig kopiert wurden und so überlebt haben. Auf diesem Weg sind die antiken Nachrichten über den Koloß von Rhodos auf uns gekommen. Wenn ein solcher antiker Text im Mittelalter einmal illustriert wurde, dann stellte man den Koloß von Rhodos als nackte Statue auf einer hohen Säule dar, als eine sogenannte 'Bildsäule'.

Die frühen enzyklopädischen Werke in lateinischer Sprache zur Zeit der Renaissance wiederum übernahmen teilweise Wort für Wort die Texte der antiken Autoren und setzten als Bild eine Säule - jetzt ohne Statue - hinzu.

Eine dichtere Reihe von Darstellungen des Koloß von Rhodos setzte erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein. Sie zeigen ihn meistens - wenn auch nicht immer -  als spreizbeinigen Hafenwächter. Die Zeichner illustrierten damit die Legende von der antiken Statue, die mit den Füßen auf den beiden antiken Hafenmolen von Rhodos gestanden haben soll. Diese Legende wurde seit dem Ende des 14. Jhs. den westlichen Reisenden in der vom Johanniter-Orden beherrschten Stadt Rhodos erzählt und dürfte kurz vorher ebenda beim Austausch westlicher und östlicher Gelehrsamkeit entstanden sein.

Von allen Illustrationen des Koloß von Rhodos wurde diejenige im Bildtypus des spreizbeinigen Hafenwächters die erfolgreichste. Gerade sie wurde in zahlreichen Kopien und Varianten in verschiedenen Kunstgattungen seit der Renaissance bis an das Ende des 19. Jahrhundert angefertigt.

Zwar setzt im 18. Jahrhundert unter den Altertumswissenschaftlern die Erkenntnis ein, daß in den antiken Quellen von Spreizbeinigkeit und Hafen nirgendwo die Rede ist, und die bekannten Bilder daher nicht den antiken Tatsachen entsprechen können. Dies bleibt aber sonst weitgehend unbeachtet und findet - trotz Zweifel unter den Architekten - in der Bildkunst keinen Niederschlag. Erst 1933 wird eine zeichnerische Rekonstruktion veröffentlicht, bei der der Koloß von Rhodos mit eng zusammenstehenden Beinen gezeichnet wird.

Heute geht man davon aus, daß der Koloß von Rhodos ursprünglich als locker stehender (Standmotiv des sogenannten Kontrapost), mehr oder weniger nackter, junger Mann mit einer Frisur aus langen Locken und einem Strahlenkranz auf dem Kopf dagestellt war. Man streitet sich darüber, ob, und wenn ja, welche Art von Stütze die Figur aus statischen Gründen gehabt haben muß.

Proceedings of the XVth International Congress of Classical Archaeology,
Amsterdam July 12-17, 1998,
R. F. Docter, E. M. Moormann Hrsg.
(Amsterdam, Allard Pierson Series 12, 1999) 335-337



Der Koloss von Rhodos
Neue Perspektiven über das Jahr 2000 hinaus?


Zusammenfassung

Die Tradition, sich mit der 70 Ellen hohen Bronzestatue des Helios von Rhodos, dem ”kolossós der Bewohner des dorischen Rhodos“ (Ant.Pal. VI 171, Z.1-2), zu beschäftigen, reicht bis in die Antike selbst zurück. Die Renaissance hat dann die Legende vom spreizbeinigen Wächter der Hafeneinfahrt aufgegriffen und in Bilder umgesetzt, die bis heute garadezu unauslöschlich im Gedächtnis des gebildeten Publikums die Vorstellung von diesem antiken Weltwunder prägen. Keine der Rekonstruktionen jüngerer Zeit hat wirklich damit aufräumen können. Nur ein eindeutiger Fund würde das vielleicht vermögen.

Am Ende dieses Jahrtausends müssen wir uns jedoch eingestehen, daß bisher weder ein solcher Neufund noch eine unberücksichtigte Schriftquelle neue Perspektiven zu den verschiedenen, diese antike Plastik betreffenden Fragen eröffnet. Auch weiterhin sind wir darauf angewiesen, Altbekanntes in neuem Licht zu sehen, in der Hoffnung, unerkannte Aspekte offen zu legen.

Das Gebiet, das momentan am aussichtsreichsten erscheint, neue Erkenntnisse über den rhodischen Bronzeriesen hervorzubringen, ist die Bronzetechnologie. In den letzten beiden Jahrzehnten haben die Untersuchungen von ausgegrabenen Werkstätten und erhaltenen Bronzefiguren sowie die experimentelle Erprobung der rekonstruierten Arbeitsabläufe unser Wissen vom antiken Bronzeguß stark erweitert. Dies gilt speziell auch für Rhodos (vgl. G.Zimmer, N.Hackländer Hrsg., Der Betende Knabe: Original und Experiment, Ausstellung Bonn und Berlin, 1997).

Vor diesem Hintergrund ist man geradezu aufgefordert, die Erkenntnisse mit dem zu vergleichen, was wir vom Koloß von Rhodos wissen. Einen entsprechenden Beitrag hat meines Wissens bisher nur D.Haynes (The Technique of Greek Bronze Statuary, 1992) publiziert. Ein weiterer Versuch möchte der im Kongressbericht veröffentlichte Beitrag sein.

Die Überlegungen zu Gußtechnik und Montage des 70 Ellen hohen Koloß von Rhodos müssen von dem erstaunlich ausführlichen Text eines Philon von Byzanz ausgehen. Die dort beschriebene Gußtechnik paßt aber so gar nicht in das Bild, das sich bisher nachweisen läßt. Haynes (a.O. 121ff.) kann eine Parallele aus dem Japan des 8. Jahrhunders anführen. Der Etagenguß am Monument ist also technisch möglich. Wie ernst muß man aber diese spätantike Quelle nehmen?

Die Vergleiche mit nachantiken Bronzekolossen sind auf jedem Fall methodisch legitim, um sich die Probleme, die die Errichtung eines Kolosses mit sich bringt, zu verdeutlichen. Das Beispielvon dem im Kongressbericht ausgegangen wird, ist die 18,5 m hohe Bavaria vor der Ruhmeshalle in München. Mit ihr läßt sich vor allem eine Vorstellung vom Prozess der Umsetzung des ideellen Künstler-Modells zum originalgroßen Modell als Vorlage für den Guß gewinnen.

Literatur

W. Hoepfner, Der Koloß von Rhodos, Archäologischer Anzeiger 2000, 129 - 153.

U. Vedder, Der Koloß von Rhodos – Mythos und Wirklichkeit eines Weltwunders, Nürnberger Blättern zur Archäologie 16, 1999/2000, 23-40.